Mittwoch, 29. September 2010

Review des IBM Web Take-Off - Teil 3: Die Mensch-Maschine Beziehung und ihre Folgen

Ein Höhepunkt des IBM Web Take-Off 2010 war sicherlich der Vortrag von Ibrahim Evsan, der über den Kulturwandel, der durch die sozialen Medien initiiert wurde referierte und weitere höchst interessante Einblicke in die aktuellen und zukünftigen Entwicklungen gab.

Ist der Onliner ein neuer Mensch? Dies war die erste Frage die Ibrahim Evsan aufrief. Der Onliner, so Evsan, liebt digitale Geräte, versteht den Begriff des Sharing, verfügt über viele Online Profile sowie viele Follower und vernetzt sich so mit Menschen rund um den Globus.

Der Mensch als solches hat laut Evsan eine unermüdliche Datensammelsucht entwickelt. Dies zeigt sich auch an der Entwicklung der Festplattengrößen die sich alle 2 Jahre verdoppelt. Die Festplatten sind dazu sehr günstig und kosten so wenig, dass der eigentliche Wert nicht die Festplatte darstellt, sondern die Daten die darauf gespeichert sind.

Wir leben zunehmend in einer vernetzten Welt. Wer sich in sozialen Netzwerken aufhält, der vernetzt sich mit anderen Menschen virtuell. Sei dies nun Facebook, welches heute mehr Seitenaufrufe einzelner Nutzer hat wie Google, oder andere Plattformen wie Twitter, Posterous,  FriendFeed, etc. Dies führt zwangsweise zu einer Art von Selbstvermarktung, die der Onliner bewusst oder unbewusst entwickeln und steuern kann. Der digitale Auftritt kann sich so zur persönlichen Visitenkarte des “modernen” Menschen entwickeln. Wichtig ist dabei, dass man auch ein Statement macht, wenn man keinen digitalen Auftritt im Netz besitzt.

Die aktuellen Entwicklungen führen dazu, dass Online und PC Inhalte immer mehr ineinander verschwimmen. Content wird zunehmend online gespeichert und mit Mitmenschen geteilt. Googles neues Betriebssystem Chrome OS, welches sich gerade in der Entwicklung befindet, setzt ganz stark auf diese neue Form der Datenspeicherung, in dem es sich als Betriebssystem ganz dem Cloud Computing widmet. Dies führt auch dazu, dass es immer einfacher wird Informationen sehr schnell einer breiten Masse von Menschen zur Verfügung zu stellen. Dazu wird die Herkunft des Onliners immer unbedeutender, was die Menschen online verbindet sind die gemeinsamen Interessen. Man kann sagen, dass die Computerwelt Einzug in das reale Leben und damit in alle Lebensbereiche erhalten hat und wir durch die fortschreitende Technik immer Online sind. Der Mensch wird somit zunehmend von der Maschine umhüllt, man könnte auch sagen er geht eine Symbiose mit der Maschine ein.

Eine weitere Frage die Ibrahim Evsan aufrief waren die zukünftigen Entwicklungen in diesem Bereich.
Evsan beschrieb das Streben von Facebook die Herrschaft im Web zu übernehmen. So ist Facebook schon heute die Internetseite mit den meisten Besuchern pro Tag und der höchsten Verweildauer im Netz. Zusammen mit der Suchmaschine Bing wird man in Zukunft noch stärker das Thema “Suche” bearbeiten, was als direkter Angriff auf Google verstanden werden kann. Dazu möchte Facebook eine eigene Währung einführen, mit der man im Netz und auf Facebook bezahlen kann. Bei Heute schon 500 Millionen Nutzern hätte dies sicherlich enorme Auswirkungen auf den gesamten Zahlungsverkehr im Netz.

Google wiederum plant für die Zukunft selbst große Entwicklungen. So versucht man mit dem Betriebssystem Android die Vormachtstellung auf dem Smartphone Sektor zu erlangen. Im Sommer will man zum Buchhändler werden und hat dafür schon einen Großteil der erschienen Literatur digitalisiert. Das Wissen der Welt gespeichert von Google. Im Herbst startet zudem Google TV, dafür stellt man Chipsätze über YouTube zu Verfügung. Dazu entwickelt man noch an einer iTunes Alternative. Viel wichtiger bzw. bedeutender ist aber, dass Google momentan in Europa an 32 Serverparks baut und somit quasi eine Monopolfalle schafft. Denn jeder dieser Serverparks ist größer und leistungsfähiger als der beste Serverpark der Telekom. Würde man morgen versuchen mit Google gleichzuziehen und die benötigte Menge an Servern auf dem Weltmarkt versuchen zu bestellen, so müsste man trotzdem mindestens 5 Jahre auf die Auslieferung warten. Ein unschätzbarer Vorteil den sich Google hier schafft!
Ein weiterer Schritt von Google in Richtung mehr Dominanz ist der Versuch mit Facebook in Konkurrenz zu treten. Der erste Versuch mit Google Buzz ist allerdings grandios gescheitert, denn in diesem Bereich zählen nicht nur das Produkt und seine Features, sondern auch Softfacts wie Lifestyle, Vereinfachung und Ästhetik.

Aber auch Apple hat sich in den Kampf um die Vormachtstellung der digitalen Medien eingemischt. So ließ sich Apple diverse Bewegungen mit Hilfe derer man Produkte wie das iPhone oder iPad bedienen kann patentieren. Apple sieht in diesen Bewegungen die Zukunft der Märkte und hat schon begonnen andere Hersteller von Smartphones die sich dieser Bewegungen auch bedienen zu verklagen. Dazu drängt Apple mit Nachdruck auf Googles große Domäne der Online-Werbung (iAd).

Ein großes Problem dieser ganzen Entwicklungen ist das Thema des Datenschutzes. Ein Thema das vor allem in Europa stark ausgeprägt ist und das bei Europäern einen ganz anderen Stellenwert besitzt wie zum Beispiel in den USA. Für Amerikaner wie Facebook Gründer Mark Zuckerberg scheint dies völlig unverständlich zu sein, anders sind seine Äußerungen zu diesem Thema nur schwer zu erklären. “Wo Deutschland. noch aufklärt, denken die USA und Asien über Fortschritt nach.” Generell scheint das Thema des Datenschutzes bei der jüngeren Bevölkerung auch in Deutschland weniger stark ausgeprägt zu sein, auch wenn hier evtl. davon auszugehen ist, dass man sich in jüngeren Jahren weniger mit solchen Themen beschäftigt.

Ein anderes Thema auf welches Ibrahim Evsan kurz einging, ist die Frage wem das Internet gehört. Die wichtige Infrastruktur des Internets läuft für einen Großteil der Welt über die USA. Europa besitzt keine eigene Infrastruktur, dies kann als suboptimal gelten, hängt man doch so am Tropf der USA und ist bei sämtlichen Entwicklungen vom Wohlwollen derer abhängig. China andererseits scheint hier aus verschiedenen Gründen nicht gewillt gewesen zu sein, diese Entwicklung weiter zu verfolgen und baut nun sein eigenes Internetnetz auf. Ein Vorhaben, das unserer Meinung und wohl auch der Meinung von Evsan der europäischen Union gut zu Gesicht stehen würde.

Zum Abschluss seines Vortrags gab Ibrahim Evsan noch eine Tipps und Leitsätze, um sich in der digitalen Welt zurecht zu finden und nicht zu verlieren:

  1. Simpel denken (weniger ist mehr, einfach & verständlich, agil sein)
  2. Exzellenz zeigen (Liebe zum Detail, Ausdauer, Nachhaltigkeit)
  3. Vernetzung (Die Botschaft ist man selbst nicht die Maschinen)
  4. Mentalität ändern ( Open Mind, Open Source, Open Culture, Aufklärung)
  5. Bewusster Umgang mit dem Netz

Der zentrale Aufruf von Ibrahim Evsan an die Anwesenden war, dass wir die wahre Innovationskraft der digitalen Welt verstehen lernen müssen, um in ihr bestehen zu können!

Wer sich das Pre-Interview zum Event von Ibrahim Evsan anschauen möchte, kann dies auf hier tun, oder ganz allgemein seinen Blog aufsuchen. Die Präsentation zu seinem Vortrag finden man hier.

Kommentare:

  1. So sehr ich Ibo auch schätze, so wenig verstehe ich den Ansatz ein europäisches Internet zu machen. Ich persönlich bin sehr froh, dass ich die Möglichkeit erhalte, durch fortschrittliche Staaten wie Amerika "mitgerissen" zu werden und in den Genuss komme von überall aus dieser Welt Ideen zu lesen und Wissen teilen zu können. Das wir uns davon abhängig machen ist meiner Meinung nach auch nicht mit einem eigenen Internet gelöst. Zuerst misstrauen wir den Amis, dann misstrauen wir vielleicht dem eigenen Staat: Schließlich könnte er doch wichtige Informationen zensieren. Wie China. Spätestens dann wollen wir vermutlich wieder ein globales Internet.

    PS: Das was China baut ist wohl mehr das weltgrößte InTRAnet ;)

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  2. Das ist zweifellos ein gutes Argument. Ich habe Ibo bei diesem Punkt so interpretiert, dass es ihm um eine infrastrukturelle Abhängigkeit geht. Natürlich ist es so, dass die eigentliche "Abhängigkeit" durch die verschiedenen Tools weiterhin bestehen bleiben würde, da ja so gut wie alle Entwicklungen in diesem Bereich von amerikanischen Unternehmen vorangetrieben werden. Die großen Player in diesem Spiel sind eben Firmen wie Google, Facebook, Apple, Microsoft und Co, da sind nur wenige bis gar keine europäischen Gegenspieler. Das heißt für mich, wer mit Web 2.0 zu tun hat, der greift fast gezwungenermaßen auf amerikanische Produkte zurück.
    Ein anderer Punkt ist natürlich auch, dass die Chinesen völlig eigene Gründe haben, ein eigenes Internet aufzubauen. Zensur von Inhalten dürfte da das eigentliche Anliegen sein, da stimme ich dir voll und ganz zu.
    Mir persönlich geht es da auch gar nicht um ein Misstrauen gegenüber den USA, ich stelle nur hin und wieder fest, dass die Kulturunterschiede zwischen den USA und Europa zum Teil relativ groß sind.
    Wenn wir aber beginnen würden, Inhalte im Internet zu zensieren, dann würden wir die Grundidee und die Stärke des Internets direkt angreifen, das ist nicht im Sinne des Erfinders und definitiv nicht wünschenswert.

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